Ihr Seminarvortrag
Im Laufe Ihres Studiums haben Sie einige wenige Male Gelegenheit, vor Publikum über ein Thema Ihres Fachgebietes vorzutragen. Diese Gelegenheiten bieten sich vor allem im Rahmen von Proseminaren und Seminaren.Die Kunst des Vortragens ist durchaus nicht einfach und bereitet vor allem Anfängern (aber nicht nur diesen) Schwierigkeiten. Gäbe es im Rahmen Ihres Studiums genügend Gelegenheit, diese Kunst zu üben, so würde es ausreichen, Sie aus Ihren anfänglichen Fehlern selbst lernen zu lassen. Es zeigt sich jedoch, daß Sie nur zwei- bis dreimal während Ihres Studiums einen Seminarvortrag halten werden, der -- nach meinen bisherigen Erfahrungen -- für die Zuhörer unbefriedigend zu verlaufen droht.
Nach Studienabschluß besitzen Sie dann als frischgebackene Akademiker keine ausreichende Erfahrung darin, Ihr Fach (und sich) vor Publikum erfolgreich zu präsentieren. Die folgenden Bemerkungen dienen dazu, auf wichtige Fehlerquellen hinzuweisen. Dadurch wird Ihnen die Möglichkeit gegeben, die wenigen vorhandenen Übungsgelegenheiten besser zu nutzen.
Wieso ist es vorteilhaft, gute Vorträge halten zu können? Für spätere (Hochschul-) LehrerInnen braucht man dies wohl nicht zu begründen. Aber auch, wenn Sie nicht diesen Beruf ergreifen wollen, wird es immer wieder für Sie wichtig sein, vor Publikum hinzutreten und diesem Publikum etwas zu vermitteln, zumindest sein Interesse wachzuhalten, es wenn möglich mitzureißen, auf alle Fälle aber zu erreichen, daß es nach Ihrem Vortrag von Ihnen einen sowohl fachlich als auch persönlich guten Eindruck hat. Nehmen Sie also die Übungsmöglichkeiten, die Ihnen während Ihres Studiums geboten werden, bewußt wahr! Hier haben Sie noch ein wohlwollendes Publikum, das Ihnen Schnitzer verzeiht und konstruktive Kritik übt.
Die folgenden Ratschläge sind subjektiver Natur. Sie stammen aus der Erfahrung vieler durchlittener Vorträge, und ihre Gewichtung ist sicher nicht allgemeingültig. Insbesondere stellen Sie keinen Anforderungskatalog dar.
Grundsätzlich besteht ein Vortrag aus den drei Komponenten Fachwissenschaft,, Didaktik und Rhetorik.. Natürlich hat ein Seminarvortrag auch den Charakter einer fachwissenschaftlichen Prüfung, im Mittelpunkt steht jedoch die Vermittlung (und nicht die Demonstration) von Fachwissen. Im folgenden ist von der ersten Komponente fast nicht die Rede, weil Sie als MathematikstudentIn sich über Ihre zentrale Bedeutung wahrscheinlich im klaren sind. Dagegen zeigt die Erfahrung, daß auch fachwissenschaftlich ausgezeichnet vorbereitete Vorträge vom didaktischen und rhetorischen Standpunkt aus völlig unzulänglich sein können. Machen Sie diesen Fehler nicht! Sie werden immer wieder beobachten, daß Ihr Publikum Sie in erheblichem Maße danach beurteilt, wie sehr Sie ihm entgegenkommen (Didaktik) und welchen persönlichen Eindruck Sie machen!
Gehen Sie bei der Vorbereitung Ihres Vortrages in drei Stufen vor. Die erste Stufe ist die fachwissenschaftliche . Sie müssen natürlich den Inhalt Ihres Vortrages verstehen. Es ist empfehlenswert, eine sehr ausführliche Ausarbeitung des Vortragsinhaltes anzufertigen, in der auch jedes total triviale Argument aufgeschrieben ist. Es passiert immer wieder, daß Sachverhalte, die zu Hause völlig klar zu sein scheinen, dem/der Vortragenden an der Tafel rätselhaft bleiben. Es ist dann schwierig, zu extemporieren. Generell sollte der/die Vortragende über sein/ihr Vortragsthema wesentlich mehr wissen, als vorgetragen wird ... und denken Sie daran: Es besteht kein Anspruch, all das, was Sie sich "auf Vorrat" überlegt haben, auch tatsächlich zu präsentieren.
Ist Ihnen der wissenschaftliche Teil Ihres Vortrages klar, so haben Sie erst ein Drittel Ihrer Vorbereitung hinter sich. Sie müssen nun überlegen, wie Sie den Inhalt Ihrem Publikum darbieten wollen.
Zunächst muß die Frage geklärt werden, ob ein Beamer/Overhead-Projektor verwendet und/oder Text bereits vor dem Vortrag an die Tafel geschrieben werden soll. Ich schlage Ihnen vor, von beidem abzusehen. Mathematik ist nicht (nur) eine Ansammlung von Begriffen und Theoremen, sondern (auch) eine sehr reizvolle Tätigkeit, die z.B. darin besteht, Beweise zu suchen. Die dabei auftretenden Erkenntnisprozesse sollten bei einem Vortrag wenigstens annähernd so spannend vermittelt werden, wie sie in der "Werkstatt" (am Schreibtisch) subjektiv erlebt werden. Eine solche Vermittlung ist bei der Verwendung vorgefertigter Materialien erschwert.
Ausnahmefälle, in denen ein Beamer/Overhead-Projektor, ein vorgefertigtes Tafelbild oder eine Tischvorlage sinnvoll sein können, bilden allerdings Diagramme oder schematische Berechnungen, die so kompliziert oder umfangreich sind, daß sie während des Vortrages nicht in angemessener Zeit an der Tafel entwickelt werden können. Häufig sagt man aber besser: " 'Einfache' Rechnungen zeigen ...''.
Kehren wir nun zurück zur didaktischen Vorbereitung Ihres Vortrages. Ein verbreiteter Fehler besteht darin, daß während des Vortrages Wort und Schrift identisch sind. Dies führt dazu, daß zuwenig gesprochen und zuviel geschrieben wird. Es verlangsamt. Das schriftlich Fixierte soll den Vortrag übersichtlich machen und das Wesentliche einprägen. Wesentlich sind natürlich Definitionen und Theoreme. Hier sollten ganze Sätze an die Tafel geschrieben werden. Bei Beweisen ist das nicht nötig. Überlegen Sie hier genau, was Sie anschreiben. Es sollte gerade soviel angeschrieben werden, daß stets erleuchtende Rückblenden in den Beweisgang möglich sind.
Dagegen müssen Sie mit Worten den Beweis so ausführlich wie möglich erklären. Oft kann man vor Beginn des Beweises die Beweisidee erläutern. Nach einem längeren Beweis sollten Sie unbedingt den roten Faden des Beweises nochmals kurz beschreiben. Denken Sie daran, daß man Beweise gliedern kann! Zu lange Beweise teilt man auf mehrere Hilfssätze auf. Beginnen Sie einen Beweis nur dann, wenn Sie genügend Platz auf der Tafel haben.
Innerhalb von Beweisen ist die Verwendung von einfachen logischen Symbolen recht nützlich. Wichtig ist, daß stets deutlich zwischen einem definierenden und einem behauptenden Gleichheitszeichen unterschieden wird. Die Einführung neuer Bezeichnungen erhöht oft die Übersichtlichkeit, insbesondere wenn Sie optisch präsent gehalten werden. Ein Zuviel an Bezeichnungen kann die Übersichtlichkeit aber auch total ruinieren. Hier ist Ihr Fingerspitzengefühl gefordert.
Soweit Vorschläge zu den didaktischen Details. Zu den notwendigen didaktischen Überlegungen gehört aber auch ein gewissenhafter Aufbau des Vortrages, der im übrigen nicht unbedingt dem der Textgrundlage folgen muß. Es sollte dem Zuhörer möglichst frühzeitig klar werden, worauf der Vortrag eigentlich hinaus will. Sie sollten gleichsam von Beginn an Spannung erzeugen, diese Spannung während des Vortrages steigern und gegen Ende in Wohlgefallen des Publikums auflösen (Happy End!) Motivieren Sie Ihre Zuhörer (auch für Definitionen) und erklären Sie, warum der eben an die Tafel geschriebene Satz interessant ist! Wenn Sie notwendigerweise längere trockene Passagen zu überwinden haben, so stellen Sie bereits vorher den erfrischenden Zweck in Aussicht.
Der Schwierigkeitsgrad Ihres Vortrages sollte so sein, daß einE einigermaßen muntereR StudentIn (schwierige Orthographie der Gleichberechtigung!) ihm folgen kann. Es ist ein bewährtes Rezept, sich bei der Vorbereitung eine ganz bestimmte Person vorzustellen, der man den Inhalt näher bringen will. Stellen Sie sich dabei nicht einen Assistenten oder einen Professor vor. Dies rate ich Ihnen nicht aus Rücksicht auf die übrigen Seminarteilnehmer, sondern weil Sie vermutlich das Spontanverständnis dieser Personengattung bei weitem überschätzen. M.a.W.: Wenn für Sie ständig alles viel zu trivial ist, um es ausführlich zu schildern, so führt dies nur dazu, daß man geneigt ist, ständig nachzuhaken und Ihnen auf den Zahn zu fühlen. Die Entscheidung, was man als trivial abtut, muß gewissenhaft getroffen werden. Hier appelliere ich wiederum an Ihr Fingerspitzengefühl.
Nun zum dritten Teil Ihrer Vorbereitungen. Bevor ich auf die eigentliche Rhetorik zu sprechen komme, möchte ich noch auf die Dauer Ihres Vortrages zu sprechen kommen. Sie werden durch die Themenstellung mit einer einigermaßen genau bestimmten Stoffauswahl konfrontiert, die Sie in einer fixierten Zeit präsentieren müssen. Wenn Sie mit dieser Zeit nicht auskommen, sind (fast) einzig und allein Sie selbst schuld und nicht die Seminarleitung, die Ihnen einen zu umfangreichen Stoff bzw. eine zu knappe Zeit zugeteilt hat. Es gehört zur didaktischen Aufbereitung, eine solche Auswahl (z.B. an Beweisen) zu treffen, daß die Zeit reicht. Ob dies gelungen ist, kann man allerdings nur experimentell überprüfen.
Die rhetorische Vorbereitung besteht schlicht und einfach darin, den Vortrag mehrmals probeweise zu halten. Sie werden erstaunt sein, wie schwierig es ist, aus dem Stegreif fließend zu sprechen. Üben Sie vor Publikum, halten Sie den Vortrag Ihrer Freundin oder Ihrem Freund. Sie erwerben sich dadurch auch die nötige Kondition, leider aber nicht immer Sympathie und Verständnis.
Wenn Sie merken, daß Sie Schwierigkeiten haben, flüssig und unbefangen zu sprechen, so sollten Sie sich den Vortrag Wort für Wort aufschreiben und einprägen. Dies soll nicht dazu führen, daß Sie sich im Ernstfall ängstlich an schriftliche Vorformulierungen klammern. Sie werden aber feststellen, daß Sie sich von Mal zu Mal mehr von dem ursprünglichen sprachlichen Konzept emanzipieren und dann in neuen, eigenen Worten immer fließender sprechen. Als Ergebnis sollten Sie zu jedem Vortragszeitpunkt den gesamten Vortrag und nicht nur die nächsten Sätze überblicken. Dieser Effekt ist übrigens auch zu erreichen, indem Sie -- statt von einem schriftlichen Vortragstext auszugehen -- den Vortrag durch "iteratives Reformulieren" vor einem imaginären Publikum entwickeln.
Sie werden schon bemerkt haben, daß ich dafür plädiere, beim Vortrag frei zu sprechen oder wenigstens das Vortragsmanuskript nicht in der Hand zu halten. Die Vorlesungen des Verfassers sind in dieser Hinsicht kein gutes Vorbild (wenn überhaupt). Aber für die wenigen Seminarvorträge, die Sie während Ihres Studiums halten, zahlt sich der Aufwand aus.
Ich möchte Sie nun auf einige Grundsätze der Rhetorik hinweisen. Die wichtigste Regel ist: Flirten Sie mit dem Publikum! Blicken Sie es stets an und suchen Sie abwechselnd Augenkontakt. Andernfalls haben die Zuhörer den Eindruck, daß Sie gehemmt sind. Es ist nicht gut, über das Publikum hinwegzublicken, aber auf gar keinen Fall darf man ständig in eine andere Richtung schauen, schon gar nicht immer auf die Tafel, das Projektionsfeld, den Laptop oder den Overhead-Projektor. Weiter ist es wichtig, laut und deutlich zu sprechen. Damit vermeidet man nicht nur, daß die Zuhörer einschlafen, sondern man verwertet auch die Erkenntnis, daß eine laut gesprochene Behauptung wesentlich überzeugender wirkt als eine leise gesprochene. Denken Sie an Demosthenes, der mit Kieselsteinen im Mund seine Reden geübt hat. Wenn Sie laut und deutlich sprechen und dabei Ihre Zuhörer ständig im Auge haben, so üben Sie auf das Publikum eine hypnothische Wirkung aus. Diese wird noch dadurch verstärkt, daß Sie Ihre Begeisterung über Ihr Vortragsthema offen zeigen. Außerdem: Lächeln Sie wenigstens manchmal, auch das gehört zum Flirt.
Ich komme zu zwei ganz trivialen Ratschlägen. Schreiben Sie leserlich und wischen Sie die Tafel ordentlich. Ein häßliches Tafelbild verbittert die Zuhörerschaft.
Mit den vorangegangenen Ratschlägen habe ich nicht behauptet, daß Ihre Professoren, insbesondere der Verfasser, sie in den Vorlesungen tatsächlich befolgen. Sicher können Sie in den Vorlesungen viel Nachahmenswertes und manches Vermeidbare beobachten. Versuchen Sie, aus allen Ihnen zur Verfügung stehenden Erfahrungen Ihren eigenen Vortragsstil zu entwickeln, so daß Sie dann mit ruhigem Gewissen und mit ausgeglichenem Selbstbewußtsein vor Ihre Zuhörer treten können. Abschließend noch kurz zur Nachbereitung: Als Dokumentation Ihres Vortrages sollten Sie eine kurze aber inhaltsreiche Ausarbeitung vorlegen, aus der der Vortrag komplett rekonstruierbar ist. Sie sollte Definitionen, Sätze, wesentliche Beweisschritte, Beispielskizzen und Referenzen enthalten, keinesfalls aber aus einer Duplizierung der Textgrundlage bestehen. Um eventuelle während Ihres Vortrages offenbar gewordene fachliche Mängel ausmerzen zu können, sollte sie erst (möglichst kurz) nach Ihrem Vortrag vorgelegt werden. Sie können ihre Lesbarkeit fördern, indem Sie mit dieser Ausarbeitung Ihre Fähigkeit im Umgang mit einem Textverarbeitungssystem unter Beweis stellen.
Und nun wünsche ich Ihnen ein gutes Gelingen Ihrer Seminarvorträge!
Hartmut Milbrodt